Wie man schneller voran kommt indem man zu warten lernt

Ich brauchte dringend einen riesigen Bilderrahmen. Jemand hat mir gesagt, man kann solche extra bei den großen Baugeschäften anfertigen lassen. Also machte ich mich auf den Weg zu dem einzigen, von dem ich gewusst habe, wo er ist und siehe da, tatsächlich gab es eine Abteilung dafür. In der Abteilung ein einziger Verkäufer, der verbissen nach irgendetwas im Computer suchte. Vor mir ein älterer Herr. Wir warteten und warteten… es kamen noch zwei Leute dazu, das Telefon läutete ununterbrochen, „ich kann jetzt nicht telefonieren – sagte der Verkäufer in den Hörer – hab da zehn Leute warten“. Der ältere Herr drehte sich grinsend zu mir um und zeigte resolut vier Finger. Ich grinste wissend zurück. Tja wir waren zu viert. Aber wie sich später herausstellte zählte der ältere Herr für mindestens 6! Er brachte seinen Doktortitel zum einrahmen und dieser hatte ein großes Siegel drunter hängen, der nicht in den Rahmen passte. Es begann also die Suche nach einer Lösung und da ich nichts zu tun hatte mischte ich mich mit meinen Vorschlägen und Kommentaren ein. Es wurde ganz lustig und schließlich haben wir auch eine Lösung gefunden. „Also in einer Woche können sie es abholen“ – sagte der Handwerker zufrieden.

 Bei mir läuteten alle Alarmglocken. In einer Woche muss mein Bild schon längst über die Grenzen dieses Landes sein. Als der ältere Herr wieder weg war, erklärte ich was ich brauchte und fragte ob es eine Chance gibt, dass es sich in drei Tagen machen lässt. „Bis Montag… hmmm hmmm…wissen sie was, ich mache den Rahmen für sie bis Samstag, passt das?“„Und wie!“ sagte ich glücklich „das ist wirklich toll!“Und dann veränderte er seine Meinung auf einmal uns sagte: „Ach was, ich mache das gleich jetzt, sie haben eh so lange gewartet. Eigentlich habe ich sehr viele Aufträge, die seit Tagen warten, aber bei so höflichen Kunden wie sie wird es mir eine Freude sein eine Ausnahme zu machen“. 

Eine halbe Stunde später marschierte ich glücklich mit meinem Riesenrahmen aus dem Geschäft heraus. Und warten lohnt sich doch! J

3 mal hoch auf den Chef und ein langes leben!

office.jpg 

Kaum haben wir uns herausgestellt um eine kleine Pause zu machen läutete das Telefon. Meine Kollegin setzte genervt ihre gerade angezündete Zigarette an der Türkante ab und lief ins Büro hinein. „Chef“, sagte sie als sie ein paar Minuten später zurückkam „ich glaube er hat irgendwo eine unsichtbare Kamera angebracht und beobachtet uns den ganzen Tag“. Von ihrer Zigarette ist nur noch die Kippe übrig geblieben. Ich wette ihre Lunge hat sich mehr darüber gefreut als sie.  Unser Boss ruft tatsächlich immer dann an wenn wir gerade eine Pause einlegen möchten.

Ich arbeite seit 3 Monaten in einem Arch. Büro als Assistentin. Assistentin mit einem freien Dienstvertrag wohlgemerkt! Für alle, die in der glücklichen Lage sind sich mit solchen Verträgen nicht auszukennen, hier ein paar Randinfos: verliert man den Job kriegt man keinen Arbeitslosengeld, die Arbeitszeit zählt nicht für die Pension, wird man krank bekommt man auch kein Geld. Überhaupt, um Geld zu kriegen muss man zuerst eine Rechnung schreiben, schickt man dann länger als 3 (oder so) Monate keine Mahnung, falls das Geld so lang braucht um das Konto zu finden, verliert man den Anspruch. Es gibt aber auch eine gute Sache an freien DV. Ja, wirklich! Man muss dem Boss keine Krankenbestätigung vorlegen, schließlich ist man ja nicht angestellt. 

Von der Sache mit den Mahnungen lässt sich unser Chef immer schwer irritieren. Er kann diese Ausmaße an Unkollegialität einfach nicht begreifen. Letztens hat er sogar einen besonders unkollegialen Kollegen entlassen. Es wird also immer sehr hin und her überlegt bevor man diesen gefährlichen Schritt wagt. Zum Glück sind wir alle verheiratet oder leben in festen Partnerschaften und so musste noch keiner im Büro übernachten, weil die Miete überfällig wurde. Für die Singles sind freie DV aber ein ziemliches Wagnis nach dem was ich so bis jetzt mitgekriegt habe. Damit trotz all dem unsere Arbeitsmoral nicht ins Bodenlose sinkt, werden wir regelmäßig motiviert. Unser Chef gibt uns dann zu verstehen, dass wir die angestrebte Perfektion noch lange nicht erreicht haben oder (das aber nur bei den besonders motivationsbedürftigen Fällen), dass wir ihn samt seiner ganzen Familie in den Ruin stürzen würden.  

Eins kann er jedoch sehr, sehr gut: die richtigen Leute für die Jobs zu finden. Wir haben uns alle gern. So gern, dass es vielleicht der einzige Grund ist warum dieses Büro noch nicht zusammengebrochen ist und alle in die 4 Windrichtungen geflüchtet sind. Dieses Büro hat schon viele rohe Diamantne geschliffen. Viele sind da schüchtern und unsicher rein gegangen und abgehärtet und unerschütterlich raus gekommen. In diesem Sinne: hoch lebe unser Chef! J